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Aktuelles


10.12.2017 Siemens - Massenentlassung / fix it - sell it - close it

Der frühere Chef des  Konkurrenten von Siemens, Jack Welch von General Electric war ein führender Vertreter des Shareholder Value. - Konzeptes, bei dem unternehmerische Entscheidungen ausschließlich am Nutzen für die Aktionäre ausgerichtet werden. Lief ein Bereich seines Unternehmens schlecht, sagte er: "fix it, sell it oder close it".- repariere es - verkaufe es - oder schließe es. Jahre später  nannte er den Shareholder Value die blödeste Idee der Welt.

Bei Siemens droht für Gölitz und Leipzig scheinbar gleich die dritte Stufe: close it - Schleßung.

Die Siemens Aktiengesellschaft ist ein integrierter, börsennotierter Technologiekonzern, der weltweit tätig ist und damit auch dem globalen Wettbewerbsdruck ausgesetzt ist.

Werner von Siemens gründete sein Unternehmen als 18 Jähriger.
Es war ein Wagnis und mehrfach stand er fast vor dem Aus.
Er wurde vom Start-up in Berlin zur Weltfirma
Aus dem Nichts.
Gegen alle Widerstände und Rückschläge.
Was trieb den Gründer und Selfmademan?
Er hatte Visionen, einen starken Willen und Erfindungen.
Das waghalsigste Projekt seines Lebens war die Verlegung eines Transatlantikkabels.

Viele Jahre nach dem Tod des Begründers wirbt Siemens heute:

"Seit bald 170 Jahren finden wir Wege, das Leben in vielen Bereichen zu verbessern.
Unsere Leidenschaft für Technologien treibt uns an, Maßstäbe zu setzen und langfristig Mehrwert zu schaffen – für unsere Kunden, die Gesellschaft und jeden Einzelnen. Unser Firmengründer Werner von Siemens hätte dies Erfindergeist genannt. Wir nennen es heute Ingenuity for life. Ingenuity for life sichert die Grundlage für eine leistungsfähige Wirtschaft und hilft, die Herausforderungen der modernen Energielandschaft zu meistern."

Im Jahr 2016 erwirtschaftete der Konzern einen Gewinn in Höhe von über 6 Milliarden Euro.
Der Fakt, dass Gewinn erwirtschaftet wurde, ist positiv. Warum soll ein Werk geschlossen weden, das bisher immer rentabel gearbeitet hat?

Das Siemens-Management hat Ende 2017 mitgeteilt, dass IN DEN NÄCHSTEN Jahren ein erheblicher Personalabbau erforderlich sei. Es begründet es damit, dass es im Kraftwerksgeschäft bei großen Turbinen einen erheblichen Rückgang von Aufträgen gäbe.

Es sollen daher die Standorte Leipzig und Görlitz geschlossen werden.
Es sind in Gölitz 720 Mitarbeiter betroffen und in Leipzig 280 Mitarbeiter.
In Summe sollen über 1000 Mitarbeiter entlassen werden.

Görlitz ist eine strukturschwache Region.
Die Arbeitslosenquote lag bisher über dem Bundesdurchschnitt und betrug 13 Prozent.
Viele Menschen fürchten um Ihren Arbeitsplatz und dass auch Zulieferer in Schwierigekeiten kommen und die Region stirbt. Große Unternehmen haben daher auch eine größe Verantwortung.

Ist die Schließung asozial oder strategisch, betriebswirtschaftlich  und technisch notwendig und  rechtlich begründbar? Darf das Managememt so handeln?
Fragen, die jetzt beantwortet werden müssen.

Andere Branchen haben ähnliche Herausforderungen und reagieren anders:
VW baut den Standort Zwickau aus für die neuen Elektroautos.
Es erfolgt kein Personalabbau an anderen Standorten.
Der Konzern schaut in die Zukunft und er baut für die Zukunft- wenn auch stark angeschoben, durch den Dieselskandal.

Anders bei Siemens:
die Schließung scheint alternativlos zu sein:
  • Keine Ideen mehr
  • keine zukunftsfähigen Produkte
  • keinen Plan B  für die Zukunft
  • keine Restrukturierung
  • einfach Schließen des Standorts und Entlassung aller Mitarbeiter.
Es gibt aber viel Positives:
  • einen Produktionsstandort
  • qualifizierte Mitarbeiter
  • Know How
  • Moderne Maschinen
  • trainierte Abläufe und
  • funktionierende Prozesse
Man muss jetzt (nur) neue Märkte suchen oder das Produkt anpassen oder eine neues Produkt für diesen (alten) Standort suchen.

Dafür war viel Zeit vorhanden und es gbt noch immer viel Zeit.
Dafür war viel Geld vorhanden, da Siemens über 6 Milliarden Gewinn erwirtschaftet hat im letzten Jahr. Hat das Management vergessen, rechtzeitig zu reagieren und Vorsorge zu treffen?

Es ist doch klar, dass heute Telefonzellen, nicht mehr -wie vor 20 Jahren - Absatz finden.
Gleich verhält es sich in 10 Jahren mit Dieselfahrzeugen.
Vielleicht wird keiner mehr mit Dieselmotoren fahren, man weiß es nicht- es ist aber wahrscheinlich, dass vielmehr Menschen mit E- Autos fahren werden.

Das Management muss dies vorhersehen. 
Man muss beobachten, steuern, planen, reagieren und agieren.
Man muss mit Sorgfalt und Weitblick führen.
Das ist die Aufgabe und Pflicht des Managements.

Die negative Marktentwicklung eines Produktes kommt nicht über Nacht.
Marktentwicklung kann man selbst beeinflussen.
Marktentwicklung ist vorhersehbar und planbar.
Das trifft erst recht zu, wenn ein Unternehmen groß und weltweit tätig ist.
Für kleine und mittelständische Unternehmen ist eine Planung und Beeinflussung der Marktentwicklung viel schwerer.
Diese haben meist gar keine Möglichkeiten einer strategischen Planung und haben auch keine Mittel für die Forschung und Entwicklung neuer Produkte.

Aus meiner Sicht ist daher viel Potential vorhanden.
Von den (nächsten) 6 Milliarden Gewinn von Siemens in 2016 kann man beispielsweise
  • 1 Milliarde investieren können in die Entwicklung alternativer Energiegewinnungsanlagen (Rückstellung I) 
  • 1 Milliarde für die Weiterbildung der Mitarbeiter und für deren Einarbeitung in neue Technologien (Rückstellung II)
  • 1 Milliarde  in den Umbau des bisherigen Standortes in einen modernen, innovativen Standort (Rückstellung III)
Drei Milliarden weniger Gewinn bedeutet zwar einen hohen Ausfall an Steuern für den deutschen Staat. Nur hat der Staat mittel- und langfristig viel mehr von einem Erhalt von Produktionsstandorten, als von einer Verlagerung ins Ausland.
Gleich verhält es sich für die Aktionäre.
Sie bekommen weniger Gewinnanteil ausgeschüttet- helfen aber damit, das Unternehmen langfristig stärker zu machen und langfristige nachhaltige Gewinne zu erwirtschaften.

Die Aktionäre bestimmten in der Hauptversammlung die langfristige Unternehmenspolitik.
Der Vorstand muss das Tagesgeschäft erledigen und auch für das Risikomanagement verantwortlich. Er muss alle erforderlichen Informationen einholen, damit sich die Aktionäre und der Aufsichtsrat ein umfassendes Bild machen können.

Der Aufsichtsrat muss wirklich kontrollieren - nicht nur absegnen.

Es geht aber auch um elementare Fragen von Konzernen:

Soll künftig der Maschinenbau auch in China laufen- will Deutschland seine führende Stellung im Maschinenbau (einfach) aufgeben, weil an ausländischen Standorten noch ein höherer Gewinn erwirtschaftet werden kann?

Was kann und muss die Politik tun, um den Industriestandort Deutschland zu erhalten?
Es gibt immer Länder, die billiger produzieren können.

Die Politik muss sich nachhaltig mit dieser Problematik beschäftigen.

Gefördert sollten die Untenehmen,die vor Ort arbeiten und 'Steuern bezahlen- nicht abziehen, wenn es irgendwo etwas billigere Arbeitskräfte gibt.

Sie muss mit den Managern, Mitarbeiter, Zulieferanten ua. diskutieren und Antworten suchen, wie Deutschland in 5 bis 10 Jahren aussieht bzw. aussehen soll. 
Die Politik kann Rahmenbedingungen schaffen, die Unternehmen und den Erhalt und die Schaffung von Arbeitsplätzen fördern. Industrie 4.0 stellt weitere Anforderungen.
Auch Industrie 4.0. kann viele Arbeitsplätze (alter Art) kosten und neue Arbeitsplätze schaffen. Unternehmer und Mitarbeiter allein schaffen den Wandel schlecht Es ist eine Herausforderung für alle.

Diesen Umbauprozess muss die Politik begleiten.

Die Manager der Unternehmen müssen es umsetzen - im Zusammenwirken mit den Mitarbeitern und Betriebsräten- nicht gegeneinander sondern miteinander.

Die Politik kann kein Unternehmen zwingen zu investieren. Sie kann aber Stondorte in Deutschland fördern und aufzeigen, was passiert, wenn der Produktionsstandort Deutschland Schritt für Schritt abgebaut wird und positiv aufzeigen, wie schön es ist, wenn sich Unternehmen ansiedeln und wachsen und neue Produkte und Arbeitplätze schaffen.

Was kann das Management tun, beim Wandel von Märkten?
Neue Ideen und Produkte sind erforderlich und vielleicht auch neue Wege.
Wie soll das gehen, ohne qualifizierte Mitarbeiter?
Die Entlassung von qualifzierten Mitarbeitern und das Zerschlagung von gewachsenen Strukturen, ist meines Erachtens nicht sachgerecht, sondern der schlechteste Weg- der worst case.

Was kann das Management unternehmen:

  • konkrete Sanierungsmaßnahmen ergreifen
  • Restrukturierungsplan erstellen
  • Kämpfen um den Erhalt des Standorts
  • kämpfen um den Erhalt der Mitarbeiter
  • Forschen und Entwickeln von alternativen Produkten an den bestehenden Standorten, die konkurrenzfähig sind

Was kann der Betriebsrat tun, um Strukturen vor Ort zu erhalten?

Der Betriebsrat darf das Konzept des Managements- soweit eines vorhanden ist- prüfen und prüfen lassen.  Der Betriebsrat darf Fachleute hinzuziehen.  Diese Kosten muss das Unternehmen tragen.

Siemens-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme verteidigte die Entscheidung des Konzerns:
"Wir können keine Turbinen bauen, die wir dann auf dem Werksgelände vergraben müssen, weil sie niemand haben will", sagte er dem "Handelsblatt".

Wenn Siemens-Mitarbeiter in Görlitz auf die Begründung des Managements zur angeblich erforderlichen Schließung anspricht, bekommt als Antwort zu hören:

"Industrie-Dampfturbinen, wie sie in Görlitz gebaut werden, sind keine Gasturbinen. Erstere erzeugen Prozessdampf, beispielsweise in Zucker-, Chemie- und Papierfabriken. Die Nachfrage nach ihnen boomt."

Welche Sorgfaltspflichten hat das Management?

1. Sorgfaltspflicht des Arbeitgebers
Diese betrifft Vorkehrungen zum Schutze von Leben und Gesundheit der Arbeitnehmer, bei der Regelung seines Geschäftsbetriebs, z.B. Instandhaltung der Geschäftsräume und Unfallverhütung.

2.  Sorgfalt eines ordentlichen Kaufmannes (§§ 86 III, 347 I HGB)
Es kommt darauf an, wie ein ordentlicher und gewissenhafter Kaufmann des gleichen Geschäftszweiges gehandelt hätte.

3. Sorgfaltspflicht bei einer Aktiengesellschaft:
Die Mitglieder des Vorstands und des Aufsichtsrats müssen die Sorgfalt eines ordentlichen und gewissenhaften Geschäftsleiters anwenden; im Streitfall müssen sie den Beweis dafür erbringen, sonst sind sie zu Schadensersatz verpflichtet (§§ 93, 116 AktG).


Fazit:
Es besteht noch eine Chance, dass die Entscheidung zum Schließen des Standortes revidiert wird.
Es geht um den Erhalt des Standorts und der Arbeitsplätze.



Hermann Kulzer MBA (Sozialmanagement)
Fachanwalt für Handels- und Gesellschaftsrecht
Fachanwalt für Insolvenzrecht
Wirtschaftsmediator (uni DIU)

Dresden

0351 8110233
kulzer@pkl.com



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Verfasser: Hermann Kulzer MBA Fachanwalt für Handels- und Gesellschaftsrecht Wirtschaftsmediator (uni DIU)
 
 
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